Situationsbericht

Die Ukraine erlebt derzeit die schwerste Krise seit ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1991. Die Ereignisse rund um die gewaltsamen Auseinandersetzungen am Kiewer Unabhängigkeitsplatz seit November 2013, der Sturz der Regierung im darauffolgenden Februar, die Abspaltung der Autonomen Republik Krim Ende März 2014 und die bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen im Osten des Landes zerrütten zunehmend das fragile soziale Gefüge des Landes. Die ohnehin schwache Wirtschaft wird nicht verschont und befindet sich seit Mitte 2012 erneut in einer Rezession. Hoffnungen auf eine substanzielle, wirtschaftliche Erholung haben sich nicht bewahrheitet: mehr als ein Drittel der Bevölkerung der Ukraine lebt nach wie vor in großer Armut. Der Mindestlohn betrug auch 2013 umgerechnet nur etwa 100 Euro, das Durchschnittsgehalt ca. 200 Euro, doch das Leben und Wohnen sind in der Ukraine mittlerweile fast ebenso teuer wie im restlichen Europa. Besonders Kinder und soziale Randgruppen haben unter der Armut und dem schwachen sozialen Netz zu leiden. Um das Überleben zu sichern, üben viele UkrainerInnen drei oder vier Jobs gleichzeitig aus. Am stärksten von Armut betroffen sind Haushalte mit Arbeitslosen, gleichzeitig gilt aber auch ein Fünftel der ukrainischen Haushalte, in denen wenigstens eine Person einer regulären Erwerbsarbeit nachgeht, als arm.Auch die ukrainische Währung, die Griwna, ist starken Schwankungen unterworfen: 2007 betrug der Kurs von der Griwna zum US-Dollar noch 1:5. Ende 2012 betrug der Kurs in etwa 1:8. Diese Entwicklung war für viele Ukrainer verheerend, da vor der Finanzkrise viele Kredite in Fremdwährungen aufgenommen worden waren. Im Zuge der derzeitigen politischen Krise kam es zu einem weiteren Verfall und der Wechselkurs zum US-Dollar betrug Anfang Juli 2014 nur mehr 1:11,8.Die Hoffnungslosigkeit führt zu viele in den Alkoholismus und zur Drogensucht. Die verzweifelte persönliche Situation zwingt viele Eltern, ihre Kinder in Heimen abzugeben oder sich selbst zu überlassen. Viele landen auf der Straße. Die Gefahr, in die Kriminalität abzurutschen oder sich durch Betteln über Wasser halten zu müssen, ist für diese Kinder oft hoch. Mehr als ein Drittel aller Haushalte mit Kindern galt 2010 als arm. Große Familien mit vielen Kindern sind am stärksten von Armut betroffen: 64,6 % der Familien mit mehr als einem Kind gelten als arm. 14% dieser Familien können höchstens alle 5 Jahre neue Winterbekleidung kaufen, 20% sind nicht imstande, für notwendige medizinische Leistungen zu bezahlen und über 11% dieser Haushalte haben keinen Zugang zu Bildungseinrichtungen in der Nähe ihres Wohnsitzes. Außerdem gibt es innerhalb des Landes noch starke Unterschiede: die ländliche Bevölkerung ist bei weitem schlechter gestellt, als die städtische. Beispielsweise verfügen nur 6,9% der städtischen Haushalte mit mehreren Kindern über keinen Zugang zu rechtzeitiger, medizinischer Notfallsversorgung, während in den ländlichen Regionen 57% davon betroffen sind.

Sozialwaisen

Offiziellen Zahlen zufolge gibt es in der Ukraine mehr als 100.000 Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Die meisten von ihnen sind so genannte Sozialwaisen. Das bedeutet, dass die Eltern zwar leben, sich aber nicht um ihre Kinder kümmern können. Etwa ein Viertel der Sozialwaisen lebt in staatlichen Heimen. Eine klassische Heimkarriere beginnt im Heim für Kleinkinder. Ab drei Jahren werden die Kinder dann dem Kinderheim übergeben und mit sieben wechseln sie in die dritte Einrichtung, die Internatsschule. Mit 16 Jahren werden die Kinder häufig sozusagen "auf die Straße" entlassen. Prinzipiell ist der Staat verpflichtet, jedem Waisenkind eine Wohnung zur Verfügung zu stellen. Die Wartelisten sind jedoch sehr lang.

In den vergangenen Jahren gab es ein Umdenken in der Familienpolitik in der Ukraine. Das Problem der elternlosen Kinder wird verstärkt wahrgenommen. Kinder sollen nicht mehr in Großinternaten untergebracht werden, es wird ein Pflegefamilienmodell forciert. Die riesigen staatlichen Internate werden zu kleinen Einrichtungen mit nicht mehr als 50 Plätzen umstrukturiert. Mit ihren Kinderprojekten in der Ukraine versucht die Caritas einen Beitrag zu dieser Umorientierung zu leisten, vor allem durch die Entwicklung von Modellprojekten wie betreuten Wohngemeinschaften und Kinderheimen mit familienähnlicher Betreuung.

Alte Menschen

Neben den Kindern gehören die alten Menschen zu jener Bevölkerungsgruppe, welche die größte Not leidet und vom Staat nur minimale Unterstützung erhält. Die Pensionen (durchschnittlich nicht mehr als 75 Euro) reichen nicht für das Überleben. Notwendige Medikamente und Hygieneprodukte sind oft unerschwinglich. Wenn jemand ernsthaft erkrankt oder zu gebrechlich wird, kann er meist nicht mehr für sich selbst sorgen. Da Sozialprogramme vom Staat nicht ausreichend finanziert werden, sind immer mehr alte Menschen von der Hilfe privater Hilfsorganisationen abhängig. Die Caritas versucht mit mobilen Diensten und Hauskrankenpflege nach österreichischem Vorbild zu helfen.

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