Geschichte

1921: Gründung der Wiener Caritas

Steigende Armut und soziale Probleme zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellen die kirchlichen Hilfsdienste vor immer größere Aufgaben. Eine bessere Zusammenarbeit und Koordination der Hilfe leistenden Pfarren, caritativen Vereine und Stiftungen wird notwendig. In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg finden fünf Caritaskongresse in Österreich statt. Nach deutschem Vorbild werden von 1907 bis 1930 in den Bundesländern eigenständige Caritasverbände gegründet. Der "Caritasverband der Pfarrcaritas-Ausschüsse der Erzdiözese Wien" wird 1921 vom Wiener Erzbischof Piffl ins Leben gerufen. Josef Tongelen übernimmt die Leitung.

Das Caritashaus am Währingergürtel 104 wird zur Drehscheibe der Nothilfe: Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter organisieren Ausspeisungen und verteilen Brennmaterial und Kleidung. Für Kinder werden Erholungsaufenthalte organisiert. Beratungsstellen für Mütter werden eingerichtet und Auswandererfürsorge wird angeboten.

1930-1945: Einschränkung und Zurückdrängung

Behinderung der pfarrlichen Einrichtung, Beschlagnahmung der Mittel caritativer Vereine und letztlich deren Auflösung durch die nationalsozialistische Regierung treffen auch die Caritas. Pfarren werden zu den Hauptträgern der caritativen Arbeit. Seit 1932 ist Theodor Innitzer oberster Schirmherr der Caritas. Er richtet während des während des zweiten Weltkrieges im erzbischöflichen Palais eine Hilfsstelle für Judenchristen ein. Jüdische Kinder erhalten Taufscheine, um sich vor dem Regime zu schützen. Pfarren und Klöster spenden Lebensmittel, Medikamente und Kleidung.

50er Jahre: Nachkriegszeit und Aufstand in Ungarn

Auf der ersten Zusammenkunft kurz nach Kriegsende beschließt die österreichische Bischofskonferenz, in jeder Diözese eine Caritasstelle einzurichten. In Wien wird Jakob Weinbacher der neue Caritasleiter.

Kindererholungsaktionen werden wieder organisiert: Zwischen 1945 und 1951 erhalten 80.000 Kinder einen Ferienplatz im In- oder Ausland. Nothilfe zählt nach wie vor zu den Schwerpunkten der Caritasarbeit.: 1951 werden 320 Tonnen Lebensmittel, 35 Tonnen Kleidung und zwei Tonnen Seife verteilt. Rund 10.00 Kinder werden in Kindergärten und Horten betreut. Die Bahnhofskommission verzeichnet mehr als 24.000 Nächtigungen. Hauskrankenpflege und "Lebensmüdenfürsorge" werden angeboten. Die SOS-Gemeinschaft unter der Leitung von Josef Macho bittet über Zeitung und Rundfunk um Spenden für Bedürftige. Ab 1951 gibt es die Familienhilfe: Die Familienhelferin springt ein, wenn die Mutter erkrankt ist. 1950 wird Prälat Leopold Ungar neuer Leiter der Caritas Wien. Die Caritas ist zu einem Verein mit 167 hauptamtlichen und zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herangewachsen.

Der Ungarnaufstand 1956 löst über Nacht einen Flüchtlingsstrom aus: 180.000 Menschen werden in Pfarren und Gasthäusern in Niederösterreich, Burgenland und Wien untergebracht.

60er und 70er Jahre: Professionalisierung und Gestaltwandel

Die "Katastrophencaritas" der Kriegs- und Nachkriegszeit wird in den sechziger und siebziger Jahren von der "Friedenscaritas" abgelöst. Die Organisation wird strukturiert, neue Arbeitsbereiche entstehen. Die Wirtschaftswunderjahre beginnen: Ältere Menschen und jene, die den neuen Belastungen nicht standhalten geraten ins Abseits. Die Familienbande werden lockerer. Die Anforderungen, vor allem an allein erziehende Mütter, steigen.

Die Caritasarbeit reagiert auf die gesellschaftlichen Veränderungen: Die Familienhilfe wird in den sechziger Jahren stark ausgebaut. In sechs Wiener Gemeindebezirken versorgt die Caritas Anfang der siebziger Jahre wöchentlich 600 Menschen mit "Essen auf Rädern". Selbstmordgefährdete Menschen werden betreut, Ärzte und Seelsorger kümmern sich um suchtkranke Menschen. Die ersten beiden Pensionistenhäuser, das Haus St. Elisabeth und das Haus St. Martin öffnen 1958 und 1962. In den nächsten 15 Jahren richtet die Caritas weitere sieben Häuser für ältere Menschen ein. Der Bedarf an Kinder- und Jugendheimen geht zurück, statt dessen wird die Betreuung von Menschen mit Behinderungen ausgebaut. Ende der Siebziger führt die Caritas vier Häuser für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen: In Lanzendorf, in Mödling, in Retz und im 18. Wiener Gemeindebezirk in der Lacknergasse.

80er und 90er Jahre

Hilfe für Obdachlose und Flüchtlinge, mehr Betreuungsangebote für alte und kranke Menschen. Anfang der achtziger Jahre werden erste Caritas-Obdachlosenhäuser gegründet: Pater Georg Sporschill und Schwester Grataeröffnen 1982 das erste Haus in der Blindengasse. Das ehemalige Kinderheim in der Lacknergasse bietet ab 1981 Unterkunft für Polenflüchtlinge, zwei Jahre später wird das Haus zu einem Wohnheim für obdachlose Männer. Anfang der neunziger Jahre betreut die Caritas sechs Obdachlosenhäuser. 1988 wird Helmut Schüller neuer Caritasdirektor der Erzdiözese Wien, 1992 folgt er Prälat Leopold Ungar auch als Caritaspräsident von Österreich.

Der restriktive Umgang mit Zuwanderern macht den Ausbau des Netzwerkes für Flüchtlinge nötig. 1990 wird eine Beratungsstelle in der Sechsschimmelgasse eingerichtet. In den folgenden Jahren entstehen vier Notherbergen für Flüchtlinge. Die Mobilen Dienste werden neu strukturiert und dezentralisiert: Einsatzstellen in den Gemeindebezirken sorgen für ein flächendeckendes Netz in Wien.

1995 wird Michael Landau neuer Caritasdirektor von Wien. Im Winter 1995 wird erstmals das neue "Mobile Notquartier" organisiert: Pfarren bieten Flüchtlingen vorübergehend Unterkunft. 1999 bricht im Kosovo ein Bürgerkrieg aus. Die Wiener Caritas, die seit neun Jahren im Kosovo tätig ist, verstärkt ihre Hilfe für die Versorgung der Flüchtlinge. In Mazedonien werden 80.000 Flüchtlinge betreut. Nach Kriegsende wird die Partnerorganisation "Mutter Teresa-Vereinigung" dabei unterstützt, im Kosovo wieder ein Hilfsnetz aufzubauen.

Caritas heute: Nothilfe und soziale Dienstleistungsanbieterin

Am Beginn des neuen Jahrtausends ist die Caritas die größte private Anbieterin sozialer Dienstleistungen: Elf Senioren- und Pflegehäuser, 18 Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und etwa 50 Stützpunkte für die Mobilen Dienste alter und kranker Menschen werden von der Caritas Wien geführt.
Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Nothilfe in Österreich: Drei Beratungsstellen helfen Menschen in Notsituationen, sechs Obdachlosenhäuser bieten Frauen und Männern Unterkunft. Arbeitsprojekte helfen Langzeitarbeitslosen beim Wiedereinstieg in die Berufswelt. Jährlich finden rund 2.000 obdachlose Flüchtlinge einen Platz in einem Caritashaus.
Knapp zehn Prozent ihrer Arbeit leistet die Caritas im Ausland. Schwerpunktländer der Caritas Wien sind die Republik Moldau, die Ukraine, das Kosovo, Serbien und Bosnien-Herzegowina.

Caritasdirektoren der Erzdiözese Wien

  1. 19. 11. 1921 - 1932: Prälat Josef Tongelen
  2. 1932 - 1942: Prälat Franz Steiner
  3. 14.4. 1942: der Caritasverband Österreich wird aufgelöst
  4. 1945 - 1950: Weihbischof Jakob Weinbacher
  5. 1950 - 1988: Prälat Leopold Ungar
  6. 1988 - 1995: Msgr. Helmut Schüller
  7. seit 1995: Msgr. Michael Landau
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