Gemeinsam Wunder wirken

Frauen, Männer, Religion

02.05.16

TeilnehmerInnen ZusammenReden

Am Bild vlnr: Leila Hadj-Abdou, Hristina Dakic (Caritas), Nour Khelifi, Ali Kalfa, Anneliese Peterson, Vizebürgermeisterin Helene Fuchs-Moser, Soma Ahmad, Nadja Lehner (Caritas)

Welche Rolle spielen Religionen im Bezug auf das Frauenbild in unserer Gesellschaft? Diese Frage wurde bei den Korneuburger Integrationsgesprächen am 2. Mai 2016 leidenschaftlich diskutiert. Unter der Moderation von Soma Ahmad standen vier ExpertInnen den über 40 anwesenden Gästen Rede und Antwort. Die Themen betrafen das Frauenbild im Christentum und Islam, die Rolle der Männer in den unterschiedlichen Religionen sowie den damit zusammenhängenden Vorurteilen.

 

 

„Es ist schwierig immer als Sprecherin des Islam zu fungieren“

 

Journalistin Nour Khelifi erzählte von ihren Erfahrungen als Redakteurin aufgrund ihres Kopftuchs mit zahlreichen Vorurteilen konfrontiert zu sein: „Die meisten Leute glauben, ich kann kein Deutsch oder ich komme zum Putzen.“ Die Skepsis lege sich jedoch sehr schnell, wenn die Menschen sie dann kennenlernen und viele seien überrascht, wenn sie dann ihre Artikel lesen. Allerdings glauben die Leute auch, dass Khelifi auf jede Frage zum Islam eine Antwort hat. „Es ist schwierig immer als Sprecherin des Islam zu fungieren“, hielt  sie fest, sie könne nicht für alle Musliminnen sprechen. Doch ist Emanzipation mit dem Kopftuch vereinbar? Hier sei Vorsicht geboten, Tradition nicht mit Religion gleichzusetzen. Natürlich gebe es Familien, die ihren Kindern ein Kopftuch aufzwingen. Schlussendlich müsse aber jede Frau selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen will oder nicht. „Ein Kopftuch macht dich nicht zu einer besseren oder schlechteren Muslimin.“ Khelifi mahnte, dass man dem Kopftuch nicht zu viel Bedeutung beimessen dürfe, „es ist nur ein Stück Stoff“.

 

 

„Wichtig und entscheidend ist die Heterogenität der Musliminnen zu sehen“

 

Auch Leila Hadj-Abdou, Politikwissenschafterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Caritas, kennt das Gefühl immer in die Rolle der Repräsentantin gedrängt zu werden. Es sei jedoch „wichtig und entscheidend […] die Heterogenität der Musliminnen zu sehen“. Hadj-Abdou kritisierte insbesondere das Prinzip „pars pro toto“, bei welchem zumeist das schlechteste Beispiel für eine ganze Gruppe von Menschen herangezogen werde, auch wenn dieses nicht repräsentativ sei. Was steckt wirklich dahinter, wenn nach sexuellen Übergriffen auf Frauenrechte gepocht wird? Hadj-Abdou gab zu bedenken, dass man unterscheiden müsse, ob Symbolpolitik betrieben wird oder ob es sich tatsächlich um eine aufrichtige Solidarität handle. 

 

Ali Kalfa, Trainer bei Poika, dem Verein zur Förderung gendersensibler Bubenarbeit, meinte, dass wenn es um Sexualität und Religion gehe, zumeist Klischees bedient werden. Viele Kinder in seinen Workshops lernen von ihren Eltern. In den Workshops lernen sie Empathie und werden zum Nachdenken über ihr erlerntes Frauenbild angeregt. Kalfa ist jedenfalls überzeugt davon, dass Machismus und sexuelle Übergriffe nichts mit Religion zu tun haben. 

 

 

„Das ist alles noch gar nicht solange her“

 

Die evangelische Pfarrerin von Korneuburg, Anneliese Peterson gab einen persönlichen Einblick über die Entwicklung des Frauenbildes im Christentum in dem sie einen Bogen von 1964 bis 2016, vom Waldviertel nach Korneuburg und von der katholischen zur evangelischen Kirche spannte. So wurde klar, dass auch in Österreich die Rolle der Frauen und Männer nicht immer so war wie heute. So saßen etwa in Petersons Kindheit die Frauen in der Kirche links und die Männer rechts. Die meisten Frauen trugen Kopftuch, wenn auch nicht aus religiösen Gründen. Heute sind gleichberechtigte evangelische Pfarrerinnen in Österreich selbstverständlich, bis dahin war es allerdings ein langer Weg und in einigen anderen europäischen Ländern ist es nach wie vor nicht so. Peterson nahm das Christentum selbst auf zwei sehr unterschiedliche Weisen wahr: als Tradition wahrend, was sie als beengend und bedrückend empfand und als befreiend, denn die Befreiung sei dem Christentum immanent. 

 

Alle Termine zu den Veranstaltungen und nähere Informationen zum Projekt finden Sie unter www.zusammenreden.net

 

„ZusammenReden“ ist ein Projekt der Caritas Wien (Missing Link); es wird gefördert vom Land Niederösterreich sowie den teilnehmenden Gemeinden Korneuburg, St. Andrä-Wördern, Neunkirchen und Perchtoldsdorf.