Gemeinsam Wunder wirken

„Du musst mehr machen, doppelt und dreifach“

17.05.18

ZusammenReden in Neunkirchen

Neunkirchen: Am 16. Mai 2018 fand der zweite Abend der diesjährigen Integrationsgespräche statt – diesmal zum Thema „Vom Gastarbeiterkind zur Akademikerin: Lebenswelten türkeistämmiger Kinder und Jugendlicher“. Bei der Veranstaltung, welche die Caritas und die Stadtgemeinde Neunkirchen organisierten, diskutierten rund 30 BesucherInnen mit den ReferentInnen Derya Arslan, August Gächter, Wolfgang Sonnleitner und Nurettin Yiğit unter der Moderation von Tülay Tuncel über die Bildungswege und Bildungschancen türkeistämmiger MitbürgerInnen

Migrationshintergrund als Ressource

„Ich habe meinen Migrationshintergrund nicht als Last, sondern als Ressource gesehen“, beantwortet Nurettin Yiğit die Frage, ob er es trotz oder aufgrund seines Migrationshintergrundes geschafft habe. „Meine Eltern haben immer gesagt, du musst mehr machen, du musst doppelt und dreifach machen“, erklärt er. Für „Teach for Austria“ unterrichtete der gebürtige Deutsche mit türkischen Eltern an einer Mittelschule im 10. Wiener Gemeindebezirk, wo über 90 Prozent der SchülerInnen Migrationshintergrund hat. Dort habe er die Erfahrung gemacht, dass diese SchülerInnen sich ihrer zusätzlichen Ressourcen wie interkulturelle Kompetenzen oder Zweisprachigkeit nicht bewusst sind. Als Lehrer versuchte Yiğit, der derzeit im Traineeprogramm der Industriellenvereinigung Österreich ist, dieses Bewusstsein zu stärken und durch seine eigene Geschichte als Vorbild zu wirken. 

Vorbilder treiben positive Entwicklungen voran, weiß auch Wolfgang Sonnleitner, Direktor der Medienmittelschule Neunkirchen: „Die Kinder suchen nach Vorbildern und in der letzten Zeit gab es immer wieder Freunde und Familienmitglieder, die die Matura gemacht haben“, erklärt er den Anstieg der türkeistämmigen SchülerInnen an seiner Schule, die einen höheren Bildungsabschluss anstreben. „Wenn man heute türkeistämmigen Jugendlichen mit den alten Klischees, die vor fünf Jahren gegolten haben, begegnet, läuft man Gefahr peinlich zu werden“, warnt daher der Sozialforscher August Gächter. Denn auch aktuelle Studienergebnisse des Zentrums für soziale Innovation bestätigen: die Zahl der Kinder, deren Eltern in der Türkei geboren wurden und die höchstens einen Pflichtschulabschluss haben, nimmt von Jahr zu Jahr bedeutend ab. 

Die Umstände berücksichtigen

 „Grundsätzlich wird der Grundstein für Integration im Elternhaus gelegt“, sieht Schuldirektor Sonnleitner die Aufgabe der Schule primär in der Erfüllung des Bildungsauftrags: „Wir als Schule können nur Bildung vermitteln“ und „als zentrale Stelle für gesellschaftliches Leben agieren“. Dies jedoch könne die Schwierigkeiten, mit denen Kinder aus bildungsfernen oder sozial benachteiligten Familien kämpfen, nicht einfach aus der Welt schaffen. Mit solchen Schwierigkeiten war auch Derya Arslan konfrontiert, als sie mit sieben Jahren als Tochter von türkischen Gastarbeitern nach Österreich kam. „Da haben wir zu siebent in einem Zimmer-Kabinett gewohnt, haben mit Wasser am Gang und einem Gemeinschaftsbad im Keller gelebt.“ Unter solchen Bedingungen zu lernen, sei nahezu unmöglich gewesen. Sie habe schnell erkannt, „dass ich da raus will“. „Wir tun uns als Menschen wahnsinnig schwer, die Umstände unter denen andere leben, einzukalkulieren“, erklärt der Sozialforscher Gächter, selbst dann, wenn diese bekannt seien. Gächter sieht hier den „fundamentalen Zuschreibungsfehler“ am Werk.

Elternarbeit als bedeutender Teil der Bildungsarbeit

Als interkulturelle Mitarbeiterin an niederösterreichischen Landeskindergärten leistet Arslan heute im Rahmen der Elternarbeit einen wichtigen Beitrag zur Integration, denn „nur durch die enge Zusammenarbeit mit den Eltern kann es gelingen, einen Kontakt auf Augenhöhe zu schaffen“ erklärt sie. Auch an den Schulen sei die Arbeit mit den Eltern fundamental, betont August Gächter, da in Österreich das Bildungssystem sehr stark auf die Mitwirkung der Eltern angewiesen sei. „Die Mutter ist die erste Nachhilfelehrerin der Republik“, so der Sozialforscher scherzend. Beim Beziehungsaufbau zu den Eltern sei jedoch Geduld gefordert, weiß Nurettin Yiğit. Ängste in Bezug auf Kritik an der Leistung der Kinder oder der eigenen Deutschkenntnisse würden oft eine Rolle spielen. Den persönlichen Kontakt abseits vom Mitteilungsheft zu suchen und ein Gespräch mit einer positiven Nachricht zu eröffnen, habe Yiğit hier selbst als sehr hilfreich erlebt.

Die nächste Veranstaltung zum Thema „Migration und Männlichkeit“ findet am 28.05.2018 in Korneuburg statt. Nähre Informationen finden Sie unter: www.caritas-wien.at/zusammenreden

„ZusammenReden“ ist ein Projekt der Caritas Wien (Missing Link). Es wird vom Land Niederösterreich gefördert und in Kooperation mit den Gemeinden Korneuburg und Neunkirchen durchgeführt.