Nadia im Ernährungszentrum. Gitega, Burundi

Ihre kleine Tochter im Tragetuch auf den Rücken gebunden, marschiert Nadia Niyongabo (Name geändert) vorbei an üppig grünen Palmen. Erst über schmale Pfade, dann entlang der asphaltierten Hauptstraße. Der Frühnebel liegt noch über den Hügeln und vermischt sich mit dem Rauch der Kochstellen. Nach knapp zwei Stunden ist sie an ihrem Ziel angekommen. Von hier aus blickt man über die ganze Stadt Gitega. Auf unzähligen Hügeln glänzen Wellblechdächer in der Sonne. Auf dem großen Anwesen mit mehreren Gebäuden aus roten Lehmziegeln sitzen rund 80 Frauen in bunten Wickelkleidern mit ihren Kindern im Schatten einer blauen Plastikplane. Eine Ordensschwester hat gerade mit ihrem Vortrag begonnen. Nadia sieht die Tafel mit den Bildern von Lebensmitteln nicht zum ersten Mal. Die 21-Jährige weiß bereits, welche Nährstoffe ihre Tochter braucht, um gesund und ohne bleibende Schäden aufgewachsen zu können. Nadia ist erneut ins Ernährungszentrum gekommen, weil sie noch immer Hilfe braucht.

Hier im Ernährungszentrum wird ihre Tochter von den Schwestern untersucht. Sie wird gewogen, der Oberarm vermessen. Nach der Untersuchung werden Nadia und die anderen Mütter zur Lebensmittelausgabe geschickt. In einer der Baracken schöpft eine Ordensschwester nahrhaften Brei aus Sorghum, Soja, Mais und Zucker in den roten Plastikbecher. Nadia füttert ihre Tochter, nimmt selbst immer wieder einen Löffel. Die junge Frau ist nie zur Schule gegangen. Sie kümmert sich um Kinder und Haushalt und arbeitet auf dem Feld. Doch die Anbaufläche ist winzig und der Boden ausgelaugt, die Ernte reicht nicht aus. “Meist essen wir nur eine Mahlzeit am Tag - Reis, Bohnen oder Bananen. In der Trockenzeit fällt auch diese oft aus.” Die junge Frau ist abgemagert und kann ihre Kleine nicht stillen.

Die Mehrheit der Burundier ernährt sich wie Nadia vor allem von Reis, Mais oder Maniok. Es fehlt an Obst, Gemüse und an Fleisch und Fisch, die reich an Proteinen und lebenswichtigen Spurenelementen sind. Die Folge: Mangelernährung mit dramatischen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder.

Wenn Nadia Niyongabo von der bevorstehenden Trockenzeit spricht, wird ihre Stimme leiser. Sie hofft, dass sie bis dahin wenigstens ein paar Maniokwurzeln beiseitelegen kann. Sie wird alles tun, damit ihre Tochter wieder zu Kräften kommt. „Das Band soll nur bald wieder grün zeigen“, sagt die junge Mutter. Nadia wird dann noch weniger essen und den Brei für ihre Tochter noch weiter verdünnen. Auch sie wünscht sich eine Ausbildung und eine gute Zukunft für ihre Tochter. Doch wer Tag für Tag darum kämpft, die Familie satt zu machen, kann nicht weit planen. Nachdem der Becher ausgelöffelt ist, packt Nadia Milchpulver in ihren Beutel und verabschiedet sich. In wenigen Tagen wird sie sich wieder auf den langen Weg machen.