Schwester Beatrice. Ernährungszentrum Gitega, Burundi

Ein rascher Rück, das Plastik drückt rote Striemen in die zarte Haut, die kleinen Finger krallen sich in den Hals der Mutter. Aus Wimmern wird lautes Weinen. Unerbittlich packt Schwester Beatrice den Arm noch fester, zieht die Schlinge noch enger. Diesen Handgriff hat sie unzählige Male gemacht. Jedes Zögern würde die Tortur nur unnötig verlängern. Das fingerbreite, weiße Plastikband zeigt eine Skala mit einem grünen, einem gelben und einem roten Bereich. Bei diesem Mädchen liegt der Oberarm-Umfang im roten Bereich. „Ihre Tochter braucht dringend kräftigende Nahrung. Gut, dass sie gekommen sind. Das wird schon wieder”, sagt Schwester Beatrice zur Mutter, zieht das Band vom Arm und notiert: Alter: 12 Monate, Gewicht: 4,3 kg, Körpergröße: 59 cm, Oberarmumfang: 96 mm. Unter den Namen des Kindes schreibt sie: malnutrition: trés sévère, Unterernährung: sehr schwerwiegend.

Hier in Schwester Beatrices Heimatland leidet jedes zweite Kind unter den Folgen von Unter- und Mangelernährung. Hier, das ist Burundi. Das kleine Land im Herzen Afrikas ist einer der ärmsten Staaten der Welt. Auf einer Fläche nur etwas größer als Niederösterreich leben elf Millionen Menschen, die Hälfte davon ist jünger als 15 Jahre. 90 Prozent der Menschen leben als Selbstversorger. Frauen dominieren die Landwirtschaft, doch die Felder sind nicht produktiv genug, um ihre Familien zu versorgen. Auch im Zentrum des Landes, in der Provinz Gitega, hungern Kinder zwischen grünen Feldern.

Schwester Beatrice, eine zierliche Frau mit überraschend kräftigem Händedruck und lautem Lachen, kennt die nationalen Hunger-Statistiken nicht, aber sie kennt das Gesicht des Hungers. Die abgemagerten Körper, die ausgebleichten Haare, die Apathie, die verzweifelten Blicke der Mütter. Seit zehn Jahren trägt sie die hellblaue Kutte des Schwesternordens „Neues Leben für die Versöhnung“. Davor war sie Krankenschwester. Hier untersucht sie Kinder, die mit fünf Jahren gerade so groß sind, wie ein gesundes Dreijähriges. Zweimal pro Woche können Mütter mit ihren Kindern kommen, um sich satt zu essen. Dazu verteilen die Schwestern Milchpulver und schulen die Mütter in Ernährungsfragen. In der Region sind sie, unterstützt von internationalen Gebern, eine der wichtigsten Anlaufstellen für notleidende Menschen. „Mit Gottes Hilfe tun wir, was in unserer Macht steht“, sagt Schwester Beartrice, wischt sich den Schweiß aus den Augen und widmet sich dem nächsten Kind.

Wir werden da sein”, sagt Schwester Beatrice während sie die letzten Mütter mit einem Päckchen Milchpulver in die drückende Nachmittagshitze verabschiedet. “Egal wie lange die Trockenperiode dauert, wir werden euch nicht im Stich lassen.”