Gemeinsam Wunder wirken

Moderner Antisemitismus im Fokus

10.10.17

Integrationsgespräche Korneuburg

Bild: Thomas Pfaffl (Vizebürgermeister), Daniel Landau (Ehrengast), Helene Fuchs-Moser (Vizebürgermeisterin), Thomas Schmidinger (Politikwissenschafter, Universität Wien), Mary Kreutzer (Caritas Wien), Hristina Dakic (Caritas Wien), Derviş Hızarcı (Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus), Verena Krausneker (Shalom Alaikum, Jüdische Flüchtlingshilfe Wien), Johanna Stadlbauer (Verein JUKUS), Astrid Reinprecht (Caritas Wien)

 

Über das Thema „Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft“ referierten vergangenen Dienstag im Korneuburger Rathauskeller Thomas Schmidinger (Politikwissenschafter, Universität Wien), Derviş Hızarcı (KIgA, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, Berlin), Verena Krausneker (Shalom Alaikum, Jüdische Flüchtlingshilfe Wien) und Johanna Stadlbauer (Kulturanthropologin, Verein JUKUS, Graz) unter der Moderation von Astrid Reinprecht (Caritas Wien). Im Anschluss an die Eingangsreferate diskutierten etwa 30 BesucherInnen mit den Vortragenden in Kleingruppen über unterschiedliche Erscheinungsformen von Antisemitismus sowie über Methoden für den Umgang mit antisemitischen Ressentiments im Alltag.

Gesamtgesellschaft im Fokus
Die Veranstaltung fokussierte auf Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft und nicht als Problem von einzelnen Gruppen. „Wir verstehen Migrationsgesellschaft als Gesamtgesellschaft und sind in unserer Arbeit auch bemüht, das so zu vermitteln“, betonte Hızarcı in seinem Statement. Die Hauptzielgruppe des Vereins KIgA sind, aufgrund der gegebenen interkulturellen und interreligiösen Kompetenzen der MitarbeiterInnen, vor allem MigrantInnen – obwohl in Deutschland, ebenso wie in Österreich, zwei Drittel der registrierten antisemitischen Angriffe einen rechtsextremen Hintergrund haben. Hızarcı selbst ist in der türkischen Community sehr aktiv, um Antisemitismus über Methoden der Bildung, Beratung und Begegnung zu bekämpfen. 

Der Frage, ob Antisemitismus in Europa ein christliches Erbe sei, stimmte Thomas Schmidinger grundsätzlich zu: „Die christliche Vorstellung vom Juden, der die Macht hat, Gott zu töten“, wäre die Basis für die antisemitische Vorstellung für die Allmächtigkeit der Juden. „Im 20. Jh. wurde Antisemitismus aus Europa über den Arabischen Nationalismus in den Politischen Islam importiert und bildete so eine weitere Strömung des modernen Antisemitismus“, so Schmidinger.

Antisemitismus und Rassismus
Der Verein Jukus aus Graz leistet präventive Sensibilisierungsarbeit mit Jugendlichen zum Thema Antisemitismus und Rassismus. Laut Johanna Stadlbauer unterscheiden sich Rassismus und Antisemitismus darin, dass sich ersteres gegen vermeintlich „Schwache“ und letzteres gegen vermeintlich „Überlegene“ richte. Verena Krausneker von der Initiative Shalom Alaikum meinte hingegen, dass es in der Praxis zielführender sei, Antisemitismus als eine Art von Rassismus zu begreifen, um gemeinsame Strategien zur Bekämpfung dieser Phänomene zu entwickeln.  „Aufklärung und Sensibilisierung zum Thema Rassismus, insbesondere durch Anknüpfung an persönliche Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen, stellen einen guten Weg zu deren Bekämpfung dar.“ 

Die Kreuzberger Initiative aus Deutschland ist zusätzlich im Bereich antimuslimischer Rassismus aktiv. Auch Schmidinger meint,  „moderner Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind in Europa gleichzeitig gewachsen und nicht voneinander zu trennen. “Alle ReferentInnen waren sich einig, dass das Wichtigste Begegnung und das Herausstreichen von Gemeinsamkeiten ist. Ein geflüchteter muslimischer Mann aus dem Irak antwortete in der Vorstellrunde mit Shalom Alaikum folgendermaßen, erzählt Krausnecker: „Ah, ihr seid Jüdinnen, also sind wir eh Cousins!“ Krausecker berichtet darüber, dass antisemitische Zuschreibungen sie als österreichische Jüdin ihr Leben lang begleiten, jedoch habe weder sie noch ihre Mitstreiterinnen von Shalom Alaikum in der Flüchtlingshilfe je Antisemitismus erfahren.

Begegnung, weiterer Austausch und Kennenlernen fanden auch beim gemütlichen Ausklang im historischen Ratkauskeller statt. Die Veranstaltungsreihe des Projekts „ZusammenReden“ wird in Korneuburg nächstes Jahr mit aktuellen Integrationsthemen fortgesetzt.

„ZusammenReden“ ist ein Projekt der Caritas Wien. Es wird vom Land NÖ gefördert und in Kooperation mit den Gemeinden Korneuburg, St. Andrä-Wördern, Neunkirchen und Ebreichsdorf durchgeführt.