Demenz Meet Wien 2026: Rückblick auf einen Tag voller Mut und Begegnung

Bei Kaiserwetter öffnete das Kardinal König Haus am 25. Juni 2026 seine Türen für das 6. Demenz Meet Wien. In launiger, einladender Kaffeehausatmosphäre kamen Betroffene, Angehörige und Expert*innen zusammen, um sich auszutauschen, Kraft zu tanken und Demenz mitten in unsere Gesellschaft zu rücken.

Musikalisch stimmte das Duo Chavée (Sarah Wolf und Gabriel Denk) die Gäste beschwingt auf den Tag ein. Caroline Leitner und Waltraud Fastl (Caritas der Erzdiözese Wien) sowie Alexandra Ertle (Demenzworld) begrüßten die Gäste zu diesem ganz besonderen Ort des Miteinanders. Zum Ankommen und Durchatmen leitete Binja Kostner im Anschluss wohltuende Yogaübungen für Geist und Körper an.

Das Demenz Meet in Wien ist eingebettet in ein Netzwerk von über 40 Demenz Meets im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren und wird von der Caritas der Erzdiözese Wien gemeinsam mit Alzheimer Austria, CS Caritas Socialis, Dachverband Demenz Selbsthilfe Austria und PROMENZ organisiert.

Im Zentrum des Tages: Der Mut, sich zu zeigen

Caritasdirektor Klaus Schwertner fand in seiner Eröffnungsrede berührende Worte über den Mut, den es braucht, die eigene Situation sichtbar zu machen und Hilfe anzunehmen:

„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotzdem weiterzugehen. Lassen wir uns heute davon berühren. Nehmen wir diesen Mut mit – in unseren Alltag, in unsere Arbeit, in unser Miteinander. Damit wir gemeinsam eine Gesellschaft gestalten, in der niemand unsichtbar ist.“

Wie lebendig dieser Appell an diesem Tag war, bewiesen die Selbstvertreter*innen Siegfried Kaufmann mit seiner Frau Sherene, Gerhard Bauernfeind und Angela Pototschnigg. Sie teilten mutig ihre persönlichen Geschichten und machten spürbar, was ihnen im Alltag Kraft gibt. Ein Höhepunkt war zudem das autobiographische Lied, das der Musiker und Selbstvertreter Wolfgang WOOLF Berger eigens für diesen Tag komponiert und performt hatte.

Inspiration beim Dialogspaziergang

Beim anschließenden Dialogspaziergang kamen Menschen ins Gespräch, die sich vorher kaum kannten. Im gegenseitigen Austausch wurden persönliche „Mut-Geschichten“ geteilt und persönliche Mutbotschaften gesammelt.

Besonders berührend waren folgende Mut-Botschaften:

  • „Nein“ ist auch ein ganzer Satz.
  • Ich bin mutig, weil ich für meine eigenen Grenzen einstehe.
  • Mut ist Vertrauen in sich selbst.
  • Informieren, Reden, Sich austauschen. Um Hilfe bitten – das ist gar nicht so schwer.
  • Scham nicht über den Mut gewinnen lassen.
  • Ich habe die Liebe gewagt, es war eine Mischung aus Sehnsucht und vielleicht auch Mut.
  • Mut ist Veränderung und Anpassung.
  • Das ganze Leben ist eine Mutprobe.

Sichtbarkeit, Anerkennung und die Kraft des Humors

In Kurzinterviews drehte sich alles um die Themen Sichtbarkeit und gesellschaftliche Anerkennung. Oberarzt Klaus Kraushofer (Gerontopsychiatrisches Zentrum) betonte die Wichtigkeit einer frühen Diagnose. Raphael Schönborn (Promenz) sowie Patricia Berger und Helena Steiner (Ich brauch`Zeit) stellten ein Symbol vor, Sichtbarkeit für Menschen mit Demenz und deren Bedürfnisse schafft. Marianne Buchegger (CS Caritas Socialis) präsentierte den Blog „Umgang mit Demenz und Vergesslichkeit“ auf derstandard.at.


Das gemeinsame Fazit: Das Annehmen der Diagnose, der offene Umgang mit Symptomen und ein mutiger öffentlicher Diskurs sind die wichtigsten Bausteine, um Vergesslichkeit und Demenz zu einem selbstverständlichen Teil des Lebens zu machen.

Dass in schwierigen Zeiten auch der Humor eine tragende Säule sein kann, bewiesen Kathy Tanner (Pionierin der CliniClowns-Bewegung) sowie Bronwynn Mertz-Penzinger und Hermann J. Kogler. Sie zeigten eindrucksvoll und praxisnah, wie wertvoll Humor als Angebot für ältere Menschen, Menschen mit Demenz und deren Angehörige ist. Humor kann Brücken bauen, neue Kräfte freisetzen und ein besseres Verständnis bewirken, so die Botschaft der CliniClowns.

Nach der Mittagspause verwandelte sich die Terrasse des Kardinal König Hauses in eine lebendige Piazza. Neben Infoständen, die zu persönlichen Gesprächen einluden, sorgten Rikschafahrten von „Radeln ohne Alter“ und ein entspannter Kräuterspaziergang mit Stefanie Daxer für Abwechslung und Bewegung.

Selbstbestimmung und praktisches Tun

Nach einem „musikalischen Dessert“ startete das Nachmittagsprogramm mit einem fachlichen Impuls. Thomas Wochele-Thoma, ärztlicher Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien, sprach in seinem Vortrag „Frei und selbstbestimmt den Alltag leben“ über ein wichtiges Spannungsfeld: das Recht jedes Menschen – ob „gesund“ oder erkrankt – auf die eigene Unvernunft.

Freiheit bedeutet immer auch Risiko. Damit Menschen auch bei fortschreitender Erkrankung rationale und selbstbestimmte Entscheidungen treffen können, müssen Risiken verständlich und transparent abgewogen werden. Je komplexer die Situation für Betroffene wird, desto stabiler und unterstützender muss das Umfeld sein, um diese Wahlfreiheit zu sichern.

Im Anschluss ging es für die Teilnehmer*innen direkt in die Praxis. In neun vielfältigen Miniformaten konnten ausgewählte Angebote direkt ausprobiert werden:

  • Tageszentrum – Marianne Buchegger (CS Caritas Socialis)
  • Café Zeitreise – Lucie Gudenus (Caritas Pflege)
  • Demenzfreundliche Führung – Corinne Walter (Albertina)
  • Selbsthilfegruppe „ÜBER DEN BERG KOMMEN“ – Johanna Püringer & Christiane Zeiler
  • Selbsthilfegruppe PROMENZ – Raphael Schönborn & Brigitte Juraszovich
  • Bewegtes Gehirntraining – Verena Jura (kopf.fitness)
  • Improvisation in der Kunsttherapie – Kathy Tanner
  • Neurotango – Erich Hubmann
  • Psychosoziale Angehörigenberatung – Christine Maieron-Coloni (Caritas Pflege)

 Ein starker Blick nach vorne

Das Demenz Meet Wien 2026 endete genauso, wie es begonnen hatte: mit einem mutigen Blick in die Zukunft. Die AG Selbstvertretung der Österreichischen Demenzstrategie formulierte, moderiert von Paulina Wosko (Gesundheit Österreich GmbH), zum Abschluss klare, kraftvolle Visionen. Sie machten eindrucksvoll deutlich, wie stark, wirkungsvoll und unverzichtbar die Stimme von Menschen mit Demenz in unserer Gesellschaft ist – ein Auftrag, den wir alle mit in den Alltag nehmen.

Bildergalerie zum Demenz Meet Wien 2026:
https://www.caritas-pflege.at/wien/infos-aktuelles/demenzmeet/